Nie mehr isoliert!

Ein Artikel zur Entwicklung der Roten Insel aus dem Januar 2009,
seinerzeit erschienen in der Stadtteilzeitung Schöneberg

Nie mehr isoliert!

Es gibt eine Generation von West-Berlin-Zuwanderern, die scheinbar geschlossen auf der Roten Insel ihre erste, weil vergleichsweise leicht zu habende und dabei billige Bleibe fand. Genauer gesagt waren es die fünf Haupt-Wohnstraßen südlich der Kolonnenstraße, wo es selbst bei der großen Wohnungsknappheit in den 1980er Jahren immer noch auffallend zahlreiche und günstige Angebote gab, die man in den Anzeigenteilen der am frühen Morgen den Zeitungsverkäufern am Zoo aus der Hand gerissenen Blättern entdecken konnte. Auch beim späteren Besichtigungstermin vor Ort mussten diese Wohnungen meist nicht gegen eine bis auf die Straße reichende Menschenmenge zu erobern versucht werden – ganz anders als nur wenige Straßen weiter im Schöneberger Zentrum oder in anderen Westberliner Stadtteilen. Allerdings wurde meist schnell klar, was dahinter steckte, warum außer Sozial-Romantikern mit Durchhaltevermögen und Rebellen ohne Geld viele dort schwer heimisch wurden und ihre Wohnungssuche oft umgehend fortsetzten: hier war offenkundig die allgemein bekannte westliche Welt zu Ende.


Abgehängt
Ein vergessenes Stück Stadt, abgehängt vom öffentlichen Verkehrsnetz, der 4er Bus auf der Kolonnenstraße und der 87er in Nord-Süd-Richtung zählten nicht wegen ihres unerträglich langen Takts; Die nächste U-Bahn einen nicht enden wollenden Fußmarsch zum Kleistpark entfernt; Die S-Bahn von den Bahnhöfen Schöneberg und Papestraße, beide mindestens so schwer erreichbar, nur zwei Stationen weiter führend, bevor die toten Bahnhöfe den anderen Teil des politischen Universums markierten, um nach der Umsteigemöglichkeit im Transit-Teil des Bahnhof Friedrichstraße erst im Wedding wieder aufzutauchen, wo man eigentlich nie hin musste; Südlich des S-Bahn-Damms der stillgelegten Ringbahn das Reich des Autoverkehrs, mit Dauerstau trotz vergleichsweise harmlosen Verkehrsaufkommens am Nadelöhr des hier unterbrochenen Stadtrings; Die Wohnungen selbst auf Vorkriegs-Standard inklusive schlecht gewarteter Ofenheizungen mit ständiger Kohlenmonoxyd-Vergiftungs-Gefahr, feuchten Wänden und ungehemmt durchziehenden Fenstern, ohne Bad oder warmes Wasser, dafür aber mit im Winter eingefrorenem Außenklo – wo gleichzeitig selbst in Moabit die Freunde schon mit Gasetagen-Heizung und anstelle der Kammer eingebauter Dusche in unverschämtem Luxus lebten.


Dornröschenschlaf
Als das vor 20 Jahren plötzlich alles anders wurde, erreichte der Nachwende-Boom kurz auch diese Gegend: In Erwartung hoher Renditen wurde anfangs rasch investiert, um gewinnbringend Wohnungen auf den letzten seit den Nachkriegsjahren unbebauten Grundstücken zu bauen; Sanierungen der bestehenden Mietshäuser, die Außenklos und Kohleöfen nach und nach abzuschaffen halfen, sowie neuer Wohnraum in den Dachgeschossen, der mithilfe der letzten Westberliner Fördermittel ausgebaut wurde, gingen damit einher. Später wurde auch die Ringbahn reaktiviert und neue Buslinien eingerichtet; Allerdings zogen die neu Ankommenden jetzt geschlossen nach Mitte oder Prenzlauer Berg und viele Westberliner folgten ihnen, um nicht den Aufbruch in das Neue Berlin zu verpassen. So verfiel die Rote Insel, spätestens nach dem Platzen der Berlin-Boom-Blase, wieder für Jahre in einen Dornröschenschlaf der Stagnation.


Doppelt isoliert
Eine Nachbarschaft, die zu gleichen Teilen aus alten Menschen und Hunden, verarmten und alleinlebenden Intellektuellen, Alkoholikern mit öffentlich zur Schau getragenen Verwahrlosungstendenzen sowie Großfamilien aus Südeuropa und der Türkei bestand, zwischen denen ein soziales Leben jenseits des gegenseitigen Ignorierens einfach nicht stattfand; In den Straßen kein Café oder ein nur annähernd akzeptables Lokal, nur übriggebliebe Eckkneipen oder berüchtigte Schwerstalkoholiker-Treffs, wie die später durch Abriss entsorgte Kaffeeklappe, deren namengebendes Getränk höchstens als Tarnung gemeint gewesen sein kann – und das, obwohl in anderen Teilen Schönebergs die Szene von Punk bis Hausbesetzer, von Underground bis Alternativ zuhause war; Keine Einkaufsmöglichkeiten außer zwei Klein-Supermärkten mit ebensolchem Angebot, bei dafür deutlich höheren Preisen als im Keller von Bilka oder bei Real in der Hauptstraße, die auch nicht wirklich günstig, dafür aber wieder ewig weit weg waren. Der bedrohlich über den Dächern auf und nieder wandernde Tank des Gasometers soll zudem manchem unheimlich gewesen sein, obwohl er selbst im Zweiten Weltkrieg unter Beschuss nicht explodiert war. Man fand sich also, mitten in der Halbstadt-Insel des NATO-Kapitalismus, die im Meer des Sowjet-Kommunismus dem nach Weltherrschaft strebenden Klassenfeind trotzte, plötzlich auf einer weiteren Insel wieder und war somit dem Wortsinn nach doppelt isoliert.


Potential
Doch der scheint nun zu Ende zu gehen – oder glaubt ernsthaft jemand daran, dass die Wiedereinrichtung der S Bahnhaltestelle an der Julius-Leber-Brücke ebenso wie der Bau des zweitgrößten Berliner Fernbahnhofs inklusive seines Direktanschlusses an den Internationalen Flugverkehr nicht auf die benachbarten Wohnstraßen wirken wird? Dass der damit einhergehende, schon angelaufene und durchfinanzierte ’Stadtumbau-West’, der zum Beispiel den Autoverkehr zugunsten der Verkehrsberuhigung der Naumannstraße durchs dortige Gewerbegebiet umlenken, die grünen Flecken Schönebergs zu einem übergeordneten Grünzug miteinander verbinden sowie den Brückenschlag vom Leuthener Platz nach Tempelhof leisten wird, keine positiven Folgen haben wird? Dass der kreuzungsfreie Rad- und Fußweg entlang der Bahntrassen bis zum Potsdamer Platz das Wohnen hier nicht nur für Mitte- und Prenzlauer-Berg-Überdrüssige attraktiv machen wird? Allen voran der Projektentwickler, der das Gasometer-Gelände großmaßstäblich zum Europäischen Energieforum ausbauen will, hat das Potential der stadträumlichen Lage erkannt, wenn auch die hochtrabenden Pläne dafür zurzeit, selbst ohne Zutun der dagegen agierenden Bürgerinitiative, aufgrund der finanzpolitischen Großwetterlage von selbst zu implodieren scheinen.

Erweckungskuss
Die Rückkehr einer Westberliner Identität nach Jahren des Schattendaseins ist nicht aufzuhalten. Doch den Erweckungskuss für diese Nachbarschaft müssen die Menschen selbst geben, abwarten allein bringt wenig. Die Chancen auf eine grundlegende Verbesserung sind jedenfalls seit den eingangs beschriebenen Tagen nie so gut gewesen wie heute – oder hört sich die überspitzte Schilderung der damaligen Verhältnisse nicht schon jetzt wie ein Märchen aus dem Kalten Krieg an?




Matthias Seidel, Jahrgang 1966, ist diplomierter Architekt und lehrt im zehnten Jahr Architektur- und Stadtgeschichte an der Universität der Künste, zunächst als Assistent von Jonas Geist, heute als Lehrbeauftragter. Er lebt seit zwei Jahrzehnten auf der Roten Insel und initiierte 2008 unter der Bezeichnung < dr. julius | ap > Ausstellungs- und Projekt-Räume in der Leberstraße 60, in denen Kunst-, Architektur- und stadtpolitische Themen behandelt werden.